1924

1924

Gebrüder Hilti zwischen Kronen und Franken

Eine politische Entscheidung in Bern und Vaduz machte sich plötzlich auf den Baustellen der Gebrüder Hilti bemerkbar. Was jahrzehntelang ein gemeinsamer Wirtschaftsraum gewesen war, wurde Anfang der 1920er-Jahre durch eine Zollgrenze getrennt. Kaspar jun. und Lorenz Hilti führten nun ein Unternehmen mit zwei Standorten, die unterschiedlichen Zoll- und Währungsräumen angehörten. In Schaan wurde mit Schweizer Franken bezahlt, in Feldkirch zunächst weiterhin mit österreichischen Kronen und ab 1925 mit Schilling.

 

 

Seit 1852 bildete Liechtenstein mit Österreich eine Zollunion. Waren konnten ohne Zollgrenze gehandelt werden, die österreichische Krone war offizielles Zahlungsmittel. Mit dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie nach dem Ersten Weltkrieg geriet diese Ordnung ins Wanken. Liechtenstein orientierte sich wirtschaftlich neu und schloss 1923 einen Zollvertrag mit der Schweiz, der 1924 in Kraft trat.

Für die Gebrüder Hilti änderte sich damit der Geschäftsalltag grundlegend. Während sich der Standort Schaan nun mehr am Schweizer Wirtschaftsraum orientierte, blieb Feldkirch Teil Österreichs. Angebote mussten in Franken und Kronen kalkuliert werden, Baumaterial über eine Zollgrenze beschafft und Abläufe neu organisiert werden.

Wie belastend diese Veränderung empfunden wurde, zeigt eine spätere Rückschau der Unternehmer:

„Bekanntlich war Liechtenstein bis zum Jahre 1920 österreichisches Zollgebiet, seither leider schweizerisches. Durch die neue Zollgrenze wurden unsere beiden Betriebe (Feldkirch-Vorarlberg und Schaan-Liechtenstein) auseinandergerissen, was sich besonders in Bezug auf die gemeinsame Beschaffung von Baumaterialien sehr nachteilig auswirkt.“

Als wäre diese Umstellung nicht Herausforderung genug gewesen, setzte der österreichischen Krone Anfang der 1920er-Jahre eine massive Inflation zu. Die Gebrüder Hilti hatten bereits den Auftrag für den Neubau des geplanten Spitals auf Dux in Schaan erhalten und im Oktober 1919 mit den Arbeiten begonnen. Baumaterial war aus Österreich bestellt, doch steigende Kosten und Lohnforderungen brachten die Kalkulation zunehmend ins Wanken. Auch eine Verkleinerung des Bauvorhabens wurde diskutiert. Nach rund sechs Monaten wurde das Bauvorhaben gestoppt – womit ein bedeutender Auftrag für die Gebrüder Hilti verloren ging. Fast ließe sich eine Parallele zu heute ziehen: Auch rund hundert Jahre später wird in Liechtenstein wieder um den Neubau eines Landesspitals gerungen. Wieder beschäftigen Kosten, Planung und Finanzierung Politik und Öffentlichkeit.

Für die Gebrüder Hilti wurden die wirtschaftlichen Umbrüche jener Jahre unmittelbar spürbar: beim Materialeinkauf, in der Kalkulation und auf den Baustellen. Die neue Zollgrenze veränderte den Alltag des Bauunternehmens, das bis dahin selbstverständlich auf beiden Seiten des Rheins gearbeitet hatte.

Bis 1925 bezahlte man in Österreich mit Kronen – bis Ende 1923 auch in Liechtenstein, bevor der Franken kam.
Die Umrechnung in Goldkronen zeigt, wie stark die österreichische Krone in den 1920er-Jahren an Wert verlor.
Für den geplanten Neubau des Krankenhauses in Schaan wurden „tüchtige Arbeiter“ gesucht – hier ein Inserat aus dem Liechtensteiner Volksblatt, Oktober 1919
Materialbestellung zum Baubeginn des Krankenhauses, November 1919.