1875

1875

Der tägliche Weg

Jeden Morgen zehn Kilometer.

Noch vor Morgengrauen machte sich Caspar Hilti täglich auf den Weg – von Schaan nach Feldkirch, zehn Kilometer zu Fuß über Grenzen hinweg. Was heute eine Viertelstunde dauert, kostete ihn zweieinhalb Stunden. Doch dieser Weg wurde zum Fundament seines Unternehmens: Verlässlichkeit, Ausdauer und der Wille, als Erster auf der Baustelle zu sein.

In aller Herrgottsfrühe, wenn noch alles dunkel war und die Familie schlief, machte sich Firmengründer Caspar Hilti auf den Weg. Von seinem Wohnhaus in Schaan im Fürstentum Liechtenstein nach Feldkirch, ganz im Westen des damaligen Kaiserreichs Österreich-Ungarn. Tag für Tag für Tag, Woche für Woche, jahrein, jahraus – über Feldwege, Schotterwege und Brücken. Noch bevor die Arbeit des Tages begann, hatte er bereits Grenzen überschritten – ganz selbstverständlich und ohne grosses Aufheben. Zu Fuss war Caspar Hilti rund zweieinhalb Stunden unterwegs. Eine Distanz, die heute in rund 15 Minuten mit dem Auto zurückgelegt wird. Damals aber war sie selbstverständlicher Teil seines langen Arbeitstages.

Der Weg führte ihn über rund zehn Kilometer und verband zwei Länder, zwei Orte und zwei Arbeitswelten. Feldkirch war damals ein Zentrum der in Vorarlberg stark verwurzelten Textilproduktion. Durch ihre Lage an der 1872 eröffneten Eisenbahnlinie zwischen Bregenz und Bludenz gewann die Stadt zusätzlich an Bedeutung. Für Caspar Hilti bot Feldkirch damit genau jenes Umfeld, in dem er Potenzial für seine berufliche Tätigkeit und seinen Baumaterialienhandel sah.

Ob er den Weg anfangs immer zu Fuss zurücklegte oder auch die damals neue Anschlussbahn zwischen Buchs und Feldkirch nutzte, wissen wir heute nicht genau. Vielleicht wechselte er, je nach Zeit, Geld oder Witterung. Sicher ist nur: Er war immer als einer der ersten auf der Baustelle. Ein Zeitungsbericht hält diese Erinnerung fest:

„Morgens und abends machte der junge Meister den Weg von Schaan nach Feldkirch und zurück. Ergraute Männer, die in den ersten Jahren seiner Meistertätigkeit bei ihm arbeiteten, erzählen heute noch, dass Caspar Hilti jeden Morgen um 6 Uhr auf dem Bauplatz in Feldkirch gewesen sei.“

Diese Erinnerung erzählt von mehr als Fleiss. Sie zeigt das Fundament, auf dem Caspar Hilti sein Unternehmen baute und worin er Vorbild war: in Verlässlichkeit, Präsenz und dem Blick für das, was auf der Baustelle gebraucht wurde.
Was damals tägliche Mühe war, wurde zu einer dauerhaften Verbindung zwischen Schaan und Feldkirch.

Die Verbindung zwischen Schaan und Feldkirch ist geblieben. Als Orte von Caspar Hiltis Wirken – und heute als Standorte der verbundenen Unternehmen Gebrüder Hilti und Hilti & Jehle. Aus Anlass des besonderen Firmenjubiläums wurde diese Verbindung sichtbar gemacht – mit der Beklebung der Buslinien mit den Nummern 11, 12, 13 und 14 zwischen beiden Orten. Als Zeichen gemeinsamer Wurzeln. Und als Erinnerung an den täglichen Weg, mit dem Caspar Hilti den Grundstein für alles Weitere legte.

Caspar Hiltis tägliches Ziel: die Vorstadt in Feldkirch – hier 1908 vor dem eigenen Firmengebäude stehend.
Feldkirchs Bahnhof um 1900, Foto: Ansichtskartensammlung, Vorarlberger Landesbibliothek
Streckenkarte Schaan-Feldkirch: Spätestens ab 1902 nützte Caspar Hilti die Bahn zum Pendeln.
Ein Blick in den Reisepass: Auch während des Ersten Weltkriegs passierte Caspar Hilti regelmässig die Grenze zwischen Liechtenstein und Österreich.