1935

1935

Ein Kloster für Schaan – und das Ende einer Ära

Wer heute nach Dux hinaufblickt, sieht eines der markantesten Bauwerke Schaans. Seit 90 Jahren prägt das Kloster mit seinem zentralen Kapellenbau den Ort. Als es Mitte der 1930er-Jahre entstand, war es weit mehr als ein Neubau. Für die Schwestern vom Kostbaren Blut bedeutete es einen Neuanfang, für Schaan einen neuen Mittelpunkt des religiösen und gesellschaftlichen Lebens – und für die Gebrüder Hilti den Abschluss einer Ära.

 

 

Die Schwestern lebten seit 1920 im heutigen Haus Gutenberg in Balzers, wo der Platz zunehmend beengt war. Obwohl sich Balzers gegen einen Wegzug aussprach, entschied man sich schliesslich für einen Neubau auf Dux. Schaan stellte den Baugrund zur Verfügung, Spenden ermöglichten die Finanzierung des Projekts. Entworfen wurde das Kloster vom österreichischen Architekten Arthur Wander, dessen symmetrische Architektur bis heute das Gebäude bestimmt.

Mit dem Bau wurden die Gebrüder Hilti betraut. Das Unternehmen hatte sich mit zahlreichen grösseren Bauvorhaben einen Namen gemacht – darunter die Jubiläumskirche in Balzers. Der Auftrag für das Kloster zeigte, wie groß das Vertrauen der kirchlichen Auftraggeber zum Schaaner Bauunternehmen war. Familie Hilti war aber auch persönlich eng mit der katholischen Kirche verbunden. Lorenz‘ und Kaspar Juniors jüngere Schwester Katharina hatte sich früh als Schwester Salutaris für das Ordensleben entschieden. Das Kloster in Schaan war für die Familie damit weit mehr als ein gewöhnliches Bauprojekt.

Im Juli 1934 wurde im Beisein von Kaspar Hilti jun. der Grundstein gelegt. Gemeinsam mit einer Urkunde wurde er an jener Stelle eingemauert, an der später der Altar der Klosterkirche stehen sollte. Im Bauvertrag verpflichteten sich die Gebrüder Hilti, ausschliessich „tadellose Materialien“ für den Rohbau zu verwenden – ein Anspruch, der gut zum Selbstverständnis des Unternehmens passte. Bereits Mitte Oktober dieses Jahres sollte der Rohbau fertiggestellt sein.

Neben den Maurerarbeiten übernahmen die Gebrüder Hilti auch die Verputzarbeiten. Dabei zeigte sich, dass selbst sorgfältig geplante Bauvorhaben Überraschungen bereithielten. Die aufwendige Ausmauerung der Nischen, der raue Verputz im Dachgeschoss und die Gestaltung der Fassade verursachten unter anderem mehr Arbeit als geplant. Damals wie heute gehörten solche Nachträge zum Baualltag – und dokumentieren die enge Zusammenarbeit von Planung und Ausführung.

Am 22. Juli 1935 wurde das Kloster zu Ehren der Heiligen Familie feierlich eingeweiht. Rund 40 Schwestern zogen von Balzers nach Schaan. Von hier aus wirkten sie weit über die Klostermauern hinaus. Sie führten das Institut St. Elisabeth, unterrichteten in Kindergärten und Volksschulen, erteilten Handarbeits- und Hauswirtschaftsunterricht und engagierten sich in der Krankenpflege. Über Jahrzehnte prägten sie das gesellschaftliche Leben Liechtensteins entscheidend. Das Kloster wurde damit nicht nur zu einem geistlichen Ort, sondern auch zu einem Zentrum für Bildung und Fürsorge.

Auch für die Gebrüder Hilti blieb das Bauwerk von besonderer Bedeutung. Es gehörte zu den grössten Projekten, die das Unternehmen damals ausführte. Gleichzeitig markierte es einen tiefen Einschnitt in der Firmengeschichte. Für Kaspar Hilti jun. war das Kloster das letzte Bauprojekt, das er persönlich begleitete. Nach einer Baustellenbesichtigung verunglückte er mit seinem Auto und starb wenige Tage später an den Folgen – nur drei Jahre nach seinem Bruder Lorenz. Mit dem Verlust beider Unternehmer musste sich das Familienunternehmen neu organisieren.

Bis heute prägt das Kloster das Ortsbild von Schaan. Für Generationen von Schülerinnen, Familien und Ordensschwestern war es ein Ort des Lernens, des Glaubens und der Fürsorge. Für die Gebrüder Hilti steht es zugleich für den erfolgreichen Abschluss eines bedeutenden Bauprojekts – und für den Übergang in eine neue Phase der Unternehmensgeschichte.

Factbox „Kloster St. Elisabeth, Schaan“

Auftraggeber: Ehrwürdige Schwestern „Anbeterinnen des Kostbaren Blutes“, Mäls-Balzers
Architekt: Arthur Wander, Zirl
Baumeister: Gebrüder Hilti, Schaan
Bauzeit: 1934-1935
Baukosten: 108.054 Franken (Erd- und Maurerarbeiten Rohbau) und 26.151 Franken (Verputzarbeiten)
Baugattung: Hochbau

Klare, symmetrische Architektur mit dominantem Kapellanbau: so plante Architekt Wander das Kloster auf Dux, Ansichtskarte von 1934
Detailzeichnung einer „Fosskratzröste“ für den Klosterneubau: der Rost diente wahrscheinlich der Entwässerung des Gebäudes, 1934-1935
Originale Massenaufstellung der Maurerarbeiten: Sie dokumentiert, wie genau die Arbeiten auf der Baustelle erfasst und im Akkord verrechnet wurden, 1935
Was kostete ein Klosterbau? Die Materialpreise zeigen, womit die Gebrüder Hilti den Neubau 1934 kalkulierten.
Das Klosterleben war Familie Hilti nicht fremd: hier Werner, Berta, Gertrud und Katharina mit Schwester „Salutaris“ Katharina Hilti (v. li.).
Bis heute hat sich das Kloster – abgesehen von einem Zubau beim Eingang – in der ursprünglichen Form erhalten, 2026